Samstag, 30. Mai 2020

Auf Lehmputz die Kalktünche. Das Weiß der Antike.

"Nicht einmal Bruchsteine oder Ziegel sind bei ihnen im Gebrauch; sie benutzen zu allem ein unscheinbares Baumaterial, das keinen erfreulichen Anblick bietet. Einige Flächen bestreichen sie dagegen besonders sorgfältig mit einer so hellen und glänzenden Erde, dass es wie Malerei und Farbenzeichnung aussieht."
TACITUS, GERMANIA



So kommt unser Bauprojekt tatsächlich nun zum Ende. Die letzten Maitage sollten uns das ideale Wetter dafür bescheren. Die Jungs vom Lehmbau gaben richtig Gas, um alles noch im Mai fertig zu bekommen. Beim Bauen mit solchen uralten Techniken und mit Naturstoffen muß immer auch bedacht werden, wie das Wetter ist. Steht die Luft und es herrscht hohe Luftfeuchte, trocknet alles viel langsamer als mit leichtem Luftzug und trockener Witterung. Knallt die Sonne aber und es weht ein kräftiger Wind, trocknet alles womöglich viel zu schnell. Doch in diesem Mai stimmte einfach alles.



Und so konnten die Lehmbauer die Innenwände zügig fertigstellen. Vom Innenleben der Wände sieht man nun nichts mehr.




 Das Aussehen der frisch entstandenen Wände ist ruhig und aufgeräumt.





 Alles bekommt fast etwas Makelloses.





























 Aber das war alles erst nur grob!






Vom letzten post wißt ihr ja noch, wie es von außen aussieht. Es hat sich hier zunächst noch nichts verändert....




Das könnte man zwar jetzt eigentlich alles schon so lassen, aber dieses Projekt ist inzwischen schon dafür bekannt, immer noch eine Schippe mehr draufzupacken.






Und so wird alles noch mal naß und fein geputzt. Eine dünne frische Lehmschicht, feiner gemagert und mit kleinerem Häcksel versehen, wird zügig aufgetragen, damit auf dieser Schicht, naß in naß, die eigentliche Außenschicht aufgetragen werden kann: Die Tünche aus Sumpfkalk! Frisch auf frisch, naß auf naß.





























Bei gutem Wetter legen deshalb Olaf und Frank einen riesen Zacken zu. Es gilt, schnell zu sein. Denn alles muß eigentlich fast gleichzeitig geschehen. Der Hintergrund dieser uralten Technik ist spannend, aber laßt uns damit jetzt keine große Zeit verschwenden und erstmal einfach schauen, was passiert. Hinterher, wenn alles geschafft ist, gehen wir der Sache mal auf den Grund. Nur so viel: Frank, der Lehmbauer, hat für diesen Ablauf einen Begriff: "freskal" (von ital.: fresco, deutsch: "ins Frische").


Olaf, zugleich Karre und mehrere Kellen jonglierend..




Frank, konzentriert, aber mega zügig arbeitend...



Fast ist das, was die Leute hier machen, so etwas wie Alchemie!
Es spielen sich dabei enorme chemische Reaktionen ab.

Na kommt, gehen wir halt etwas in die Materie:
Vor richtig langer Zeit, vielleicht sogar Jahrtausende vor unserer Zeit, muß etwas merkwürdiges geschehen sein, das die Grundlage legte für das, was wir hier erleben. An einer Stelle mit kalksteinigem Untergrund unterhielt irgend jemand für ein paar Stunden ein hübsches Lagerfeuer, bis ein enormer Wolkenbruch dem Vergnügen ein jähes Ende bereitete und unseren urgeschichtlichen Freund - oder unsere Freundin - zum Rückzug unter irgendein Dach zwang. Je nachdem, wie lange die Geschichte zurück liegt, war es vielleicht eine Zelthaut, vielleicht aber auch ein Schilfdach. Doch selbst, als sich der Regen gelegt hatte, brodelte, zischte und köchelte es unter der Feuergrube gespenstisch weiter, so als ob unsichbare Mächte dort ihr Wesen oder Unwesen trieben. Irgendwann, nach einer längeren Zeit, muß unser Mensch bemerkt haben, daß an dieser Stelle der Kalkstein sich vollkommen verwandelt hat. Aus dem ehemals harten Gestein war etwas ganz anderes geworden, das bei Nässe einen weißen Schlamm mit cremiger, fast schmieriger Konsistenz bildete. Die Masse war weiß und ließ sich verstreichen. Wurde sie trocken, war sie hart und wasserfest. Vielleicht war das auch ganz anders: Eine Kochgrube könnte die Entdeckung auch hervorgebracht haben! Denn bevor Keramikpötte bekannt waren, konnte man in mit Tierhaut ausgeschlagenen Gruben Wasser zum Kochen bringen, indem man zuvor im Feuer erhitzte Steine nach und nach hineingab, bis das Wasser siedete. Diese Steine könnten Kalksteine gewesen sein. Wie auch immer, das Brodeln und Zischen und Kochen wird auch in diesem Falle die Beteiligten erstaunt haben, da es mit diesen Steinen sicher viel brachialer ablief als mit anderen. Sogar bereits erkalteter, vormals im Feuer gebrannter Kalk wird beim Kontakt mit Wasser eine heftige Reaktion durchmachen, bei der sich sogar eine große Hitze entwickelt. Stellt euch mal vor, wie die Leute wohl geguckt haben, wenn jemand einen solchen kalten Brocken, den auch alle zuvor brav angefasst haben, um sich zu überzeugen, daß er wirklich kalt ist, in eine Grube mit kaltem Wasser warf, und dieses Wasser plötzlich zu sieden anfing! Zauberei!

Wie genau das Verfahren nun entdeckt wurde, werden wir wohl nie erfahren. Wenn man Kalk brennt und diesen dann mit Wasser in Kontakt bringt, dann verwandelt er sich unter heftiger chemischer Reaktion zu Calciumhydroxid (Ca(OH)2 oder Kalkhydrat, deshalb auch Löschkalk genannt. Wird dieser Löschkalk lange genug eingesumpft, entsteht der sogenannte Sumpfkalk. Und genau damit haben wir es hier tatsächlich zu tun!


Hier schimmert es schon, zunächst milchig, fast schüchtern:





So sieht das einfach erstmal aus, wenn eine wässrige Lösung unseres Sumpfkalks nun als Tünche auf unsere Lehmwände aufgetragen wird. Nicht schön? Wartet ab! Der Rest passiert von nun an ohne jeden menschlichen Eingriff. Denn beim Trocknen wird es auf einmal immer heller. Und wenn noch die Sonne heftig draufknallt, sogar fast richtig weiß! Je mehr Sonne, desto strahlender. Der Süden Europas ist berühmt für seine strahlend weißen Ziegelbauten. Und genau hier ist dieses Verfahren auch vermutlich zum ersten Mal zum Einsatz gekommen. Denn Mauern aus Ziegelsteinen werden im Sommer sehr heiß. Werden sie jedoch weiß getüncht, reflektieren die Außenwände das Sonnenlicht, und der Raum bleibt innen kühler. Tongefäße, durch deren Wandung Feuchtigkeit verdunstet, gaben zusätzlich eine Art Klimaanlage für den Innenraum ab. Das brauchte man hier im Norden zwar alles bislang nur selten, aber weil diese Kalktünche eine Lehmwand wetterfest macht, war ihr Einsatz auch hier sicher nicht ohne Vorteile. Im Innenbereich eines Hauses gewinnt man so dazu noch eine überraschende Helligkeit. Auch schützt in Stallungen diese Tünche vor Schimmelbefall, da sie stark basisch ist.

Wir vermuten, daß unsere Schnippenburger diese Technik kannten. Und weil wir hier nun absichtlich einmal sehr "keltisch" bauen, kommt dieses spannende Verfahren nun auch zum Einsatz.

Erlebt mit uns durch die folgende Bildstrecke, wie die Wände langsam immer heller werden! Der Prozess, der hier abgebildet wird, zog sich allerdings in Wahrheit über Tage hin. Er ist am Ende dieses Beitrages immer noch nicht abgeschlossen. Vielleicht beobachtet ihr das ja mal selbst in den nächsten Tagen und Wochen! Wenn ihr regelmäßig hier vorbeischaut, werdet ihr Zeugen dieser einzigartigen Verwandlung!









Am ersten Tag nach dem Tünchen









 Noch sind es nur einzelne weiße Flecken auf dem Lehmputz...





 Auch hier sieht es noch nach nicht viel aus!





 Aber an diesem Stöckchen sieht man schon, worauf es hinauslaufen kann...










 Nur ein Tag später:



Am zweiten Tag nach dem Tünchen. Es wird schon heller!


 Unser "keltischer" Bau zeigt sich langsam so, wie wir ihn uns gedacht haben...












 Ganz glatt!












Die Nordost-Wand in einem Vorher-Nachher-Vergleich:

Vorher, mit "freskal" aufgetragener Tünche aus Sumpfkalk, noch ganz durchsichtig:

 


Ein Tag später, bereits in chemischer Verwandlung:





Auch innen passiert langsam was! Vormittags scheint hier gut die Sonne hinein...

Der vordere Teil dieser Innenwand hat ihre Strahlen etwas länger abbekommen. So kann man den Prozess gut begreifen. Das gleicht sich in den nächsten Tagen noch einander an.






























In der Nahaufnahme seht ihr gut, wie glatt diese Wände werden. Ist es das, was unsere Rauhfasertapete imitieren soll? So ist es!

















 Die Sonne kommt heute noch einmal raus. Nun wirkt es fast leicht gelblich.





Das liegt aber nur daran, daß der Lehm immer noch durchscheint. Aber was passiert eigentlich genau bei dieser Verwandlung zu undurchsichtigem Weiß, dem Weiß der Antike? Die UV-Strahlung und der Wasserverlust werden die Schicht nach und nach chemisch verändern, so daß sie nicht nur undurchsichtig wird; die Substanz nimmt währenddessen Kohlenstoffdioxid aus der Luft auf, und wird dadurch selbst zu Calciumcarbonat, also tatsächlich: zu einer dünnen Schicht Kalkstein!




Gerade außen wirkt sich die glatte Oberfläche günstig aus. Regenwasser, das gegen den Giebel schlägt, läuft schnell ab, und die Wand kann nicht durchweichen. Es bräuchte schon extrem sauren Regen, um den Kalk aufzulösen und abzuwaschen, bevor das Wasser den darunter liegenden Lehm erreichen kann.






 Der fahle Mond am Tageshimmel, die fahle Wand im Vordergrund... toll, oder?










 So steht sie nun da,






 unsere ganz eigene Form...




des Weißen Hauses. Allerdings ist ihr Inneres viel weniger hohl, obwohl es sogar noch komplett leer ist. Aber das ist auch gar kein großes Kunststück, so wie die aktuellen Verhältnisse nun mal sind.





Noch einmal werden wir uns hier im blog melden, um den Fortgang des ruhmreichen Wandweißens auch denen von Euch zu zeigen, die zu weit weg wohnen, um das selbst beobachten zu können. Die anderen von euch können jederzeit einfach mal "in echt" gucken kommen. Aber dann kommt auch der blog - oder sagt man das blog? - vorläufig zum Ende. Wir hoffen, es hat euch Spaß gemacht, das Werden dieses eigenartigen Projekts zu verfolgen!


Schöne Pfingsten euch!





Mittwoch, 6. Mai 2020

Der Lehmbau ist fast schon fertig!


Am Montag haben Torben und Christian die Halle, in der sie über Monate gearbeitet haben, wieder in den Zustand gebracht, in dem sie zuvor war. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, nach Monaten alles abzubauen, wegzuräumen und ein letztes Mal zu fegen. Das zeigt, daß ihr Part nun wirklich vorüber ist und dieses Projekt sich nun dem Ende nähert. Aber auch, wenn die beiden danach erst mal für eine Weile wieder getrennte Wege gehen werden, die Zeit wird sicher kommen, da sie wieder gemeinsam auf einem Dach stehen werden. Und wieder der Kocher läuft, wenn Kaffee ist.

Das Wetter meint es derweil wirklich gut mit den Lehmbauleuten! Inzwischen haben sie das gesamte Flechtwerk fertig gestellt, und alle Wände sind von außen bereits mit Lehm verstrichen. Es ist toll, sich das Flechtwerk noch einmal komplett anzusehen, bevor auch innen alles unter dem Lehm verschwinden wird.







Hier oben im Giebel stecken die uralten Staken. Sie sind aus Buche und haben über 250 Jahre lang im Flechtwerk eines Bauernhauses gedient. Sie freuen sich sicher, daß sie nun wieder Verwendung gefunden haben und ihre Zeit noch lange nicht abgelaufen ist. Viele Teile von auf diese Weise gebauten Häusern konnten sehr lange immer wieder verwendet werden. Und sicher stecken in alten Fachwerkhöfen jede Menge Teile anderer Gebäude. Es wird auch nicht verwundern, wenn man in solchen Häusern Material von allen Vorgängergebäuden bis zurück zur ursprünglichen Gründung der Hofstelle entdeckt, wenn man alles Holz mal datieren würde.








Daß solche Wände wirklich richtig dicht werden, kann man hier schön sehen. Die Ruten im Inneren des Lehms sind dabei später so gut geschützt, daß sie ebenfalls hunderte Jahre überstehen können.







Eine solche Bauweise ist immer auch was für das Auge, deshalb wundert euch nicht, wenn hier wieder - wie bei uns so typisch - ganz viele Bilder der Details auftauchen. So haben wir sie "im Kasten" und können sie in Zukunft immer mal wieder angucken. Wir machen den blog zwar hauptsächlich für euch, aber natürlich auch gleichzeitig für uns selbst und alle, die daran mitgewirkt haben, und damit meinen wir nicht nur die, die hier praktisch Hand angelegt haben, sondern auch alle diejenigen, ohne die dieser Bau nicht gar nicht möglich gemacht worden wäre! Bei der Eröffnung werden sie dann alle aufgeführt werden.



Fügt sich doch alles ziemlich gut, oder? Das Wort "Lücke" kennt dieser Bau nicht.












 Jedes einzelne Teil ist einzeln von Hand gemacht und genau da eingebaut, wo es perfekt hinpasst.








Und der ganze Bau ist sozusagen 100% bio: er ist vollständig biologisch abbaubar. Das ist auch genau der Grund, warum Archäologinnen und Archäologen meist von solchen Häusern nicht viel mehr als die Verfärbungen im Boden finden, die die Stelle anzeigen, an der mal ein Pfosten eingetieft war. Alles kommt, von der Formgebung abgesehen, im Grunde unverändert aus der Natur und wird irgendwann einfach wieder zu Natur, wenn wir Menschen es nicht mehr brauchen.












Genug Interieur. Gehen wir nach draußen! Hier sind die Wände nämlich bereits mit Lehm zugestrichen. Der Putz kommt noch...











Es freut uns, die wir beim Holzbau ebenfalls Zeichen hinterlassen haben, daß auch die Lehmbauleute so ihre Bräuche haben. Vielleicht wird irgendwann mal jemand den Putz abklopfen, um ihn zu erneuern, und entdeckt dabei das Baujahr! Vielleicht gibt es uns dann ja schon lange nicht mehr...





 Mit Wänden hat der Bau wieder ein ganz anderes Aussehen...







So steht er nun da, unser "keltisch" inspirierter Bau. Schirrkammer, Wagenremise, Speicher, Unterstand, Werkstatt... alles gleichzeitig. Ein spannender Bau!








  Und er macht sich gar nicht soo schlecht, oder?



















Ein wirklich spannender Kontrast.. Ob die Leute aus der Eisenzeit uns den Vogel zeigen würden? Spannende Frage..was wissen wir schon genau über sie?







In der nächsten Folge gibt's bestimmt schon den Verputz und die Wirkung des Kalkanstrichs zu sehen! Laßt euch überraschen! Wir machen dann ein Experiment: Wir wollen mit einfachen Verfahren Sumpfkalk mit Kalk aus dem nicht weit entfernten Stemweder Berg machen. Mal sehen, wie das so läuft!